Motorisierte Vorfahren :-)
Porträt
Hinter dem Lenkrad die erste Straßenbahn gesehen – 1928 Führerschein gemacht –
Von unserer Redakteurin MARTINA SPRINGER
Halle/MZ. 
Anni Gieses Stimmung schwankt beinahe von Minute zu Minute. "Ob denn das heute überhaupt noch jemanden interessiert?" Dann wieder ist sie ziemlich aufgeregt. "Viele Erinnerungen sind wiedergekommen, nachdem ich das Bild in der Zeitung gesehen habe." Na gut, entschließt sich die 84jährige schließlich, sie könne ja einfach mal anfangen zu erzählen. Denn damals sei es schon etwas Besonderes gewesen, als Frau die Fahrprüfung zu absolvieren.
Damals - das war immerhin im Jahre 1928. Die agile alte Dame, die seit 14 Jahren ihre Wohnung in Trotha hat und schon über vier Jahrzehnte in Halle zu Hause ist, stammt aus Sandersleben. "Dort verlebte ich mit meinen Eltern, die mehrere Geschäfte hatten, und mit sechs Geschwistern eine sehr glückliche Kindheit und Jugendzeit." Und in dem kleinen Ort bei Aschersleben sei es eben auch gewesen, wo sie sich entschloss, den Führerschein zu erwerben. Der Entschluss wurde in die Tat umgesetzt. Für eine Frau der damaligen Zeit außergewöhnlich.
Frau Giese erinnert sich noch genau, wie das war bei der theoretischen Prüfung. "Wir saßen im wunderschönen Gasthaus von Sandersleben, hinten im Billardzimmer, alle um einen großen Tisch herum. Tja, und dann stellte der Fahrlehrer eine Frage, auf die wusste keiner der Männer eine Antwort. Aber ich, die einzige Frau, habe das Richtige gesagt." Während die Gedanken zurückschweifen, kramt Anni Giese in alten Fotografien und neuen Zeitungsausschnitten. "Hier, sehen Sie, auf so einem Auto habe ich gelernt", weist sie auf ein Zeitungsbild. Der gezeigte Oldtimer erweist sich nach der Bildunterschrift als ein Brennabor, Baujahr 1929, bei dem mangels Anlasser die Kurbel zu betätigen war und der eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern erreichen konnte. "Baujahr 1929? Na, dann kann das nicht `mein` Wagen gewesen sein. Aber das gleiche Modell, das bin ich gefahren", ist sich die Seniorin sicher. Ein "großer, offener Sechssitzer mit Außenschaltung" sei es gewesen, und das Lenkrad habe sich auf der rechten Seite befunden. Die Fahrschule habe sie übrigens gemeinsam mit einem Bruder absolviert. "Da war es 25 Mark billiger." Später sei sie einen Ford gefahren, noch später Opel. "Die Umstellung von rechts auf links war ganz schön schwierig."
Merkwürdig im Zusammenhang mit ihrer Auto- und Fahrleidenschaft sei jedoch noch manches andere, meint Frau Giese, die drei Kinder – die Söhne Gerhard und Wolfgang sowie die Tochter Irmgard - großgezogen hat. Als sie längst das Gaspedal sicher betätigen und die Pferdestärken unter der Motorhaube bändigen konnte, habe sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Straßenbahn gesehen - bei einem Besuch in Magdeburg, wohin sie ihre Mutter chauffiert habe.
Ebenfalls ein wenig aus dem Rahmen fallend: Anni Gieses Ehemann machte nie seinen Führerschein. "Er arbeitete als Ingenieur bei der Reichsbahn. Er ist immer mit dem Zug gefahren." Überhaupt habe sie mit Mann und Kindern selten gemeinsam im Auto gesessen. "Aber Vater und Bruder, die habe ich oft gefahren. Mein Vater trank, nachdem die Geschäfte erledigt waren, gern mal ein Glas Bier. Da habe ich dann den Chauffeur gespielt. Und wir waren immer pünktlich zu Hause."
Heute ist das Umgehen mit dem Lenkrad für Frau Giese "längst kein Thema mehr". Aber wenn die Kinder über Autos sprächen, "da kann ich noch allemal mitreden. Ich berate meine Kinder auch noch ein wenig beim Autokauf."
